Juni 2011

Archäologie, Leidenschaft und Freundschaft: Brücken zwischen Kultur und Religion

SebastiaOsama Hamdan, der mit ATS pro Terra Sancta und der Kustodie des Heiligen Landes am sozialen und kulturellen Projekt in Sebastia arbeitet, erklärt, warum es ihn zu den Franziskanern zog und was ihn mit diesem Land verbindet.

Meine Beziehung zur Kostodie des Heiligen Landes in Jerusalem begann 1997, als ich Pater Michele Piccirillo während der Arbeiten an einem Restaurierungsprojekt am Hisham Palast traf. Zu Beginn der Arbeiten kannten wir einander nicht, aber von dem Moment an, an dem wir anfingen miteinander zu arbeiten, entwickelte sich unmittelbar eine Art von Freundschaft und Verständnis. Schließlich bot mir Pater Piccirillo die Möglichkeit an, mit ihm in Palästina weiter zu arbeiten. Pater Piccirillo war ein ausgezeichneter Archäologe, aber vor allem ein Mann von großer Menschlichkeit und einzigartigem kulturellen Reichtum. Von ihm lernte ich diesen Beruf und entwickelte zusammen mit ihm eine Liebe für kulturelles Erbe.

Wir begannen die Zusammenarbeit mit Carla Benelli in der Werkstatt vom Hisham Palast bei Jericho. Wir wurden eine Art „Team“, angeführt von Pater Piccirillo, der als ein sehr aktiver und lebendiger Mann dafür sorgte, dass wir hart an den unglaublichen Projekten arbeiteten, und uns gleichzeitig Energie und Enthusiasmus vermittelte, während er uns anführte. Die Projekte waren sehr schwierig, aber mit der Zeit schafften wir es, unsere Träume zu realisieren (jedenfalls in Bezug auf die Erhaltung des Kulturerbes).

Jedes Mal wenn Pater Michele nach Palästina zurück fuhr, rief er uns wieder zur Arbeit auf: „Auf geht‘s, es gibt viel zu tun!“ Er spielte eine fundamentale kulturelle Rolle, nicht nur für Palästina, sondern für den gesamten Nahen Osten, für den er ein absoluter Spezialist war.

In meiner Beziehung zu ihm bildete er etwas Stabiles und Dauerhaftes, sowohl auf einer praktischen Ebene während des Projekts als auch persönlich.

Auf der Projektebene gab er uns eine stabile Struktur, der wir folgen mussten, auf persönlicher und menschlicher Ebene gab er uns eine große Leidenschaft für Restaurierung und Kunst, eine Leidenschaft, die sich zum Beispiel in meiner persönlichen Liebe zu Mosaiken widerspiegelt (dieses Interesse ist für die Kritiker und Restauratoren dieser Gegend etwas sehr Neues). Unsere Beziehung war eine aufrichtige Freundschaft von Lehrer zu Schüler, mit unterschiedlichen Ansätzen, und voller Respekt und Vertrauen.

Meine Beziehung zu Piccirillo war eine Brücke, ein Ausgangspunkt, von dem aus ich Beziehungen zu den anderen Brüdern in Jerusalem aufbaute. Ich bin kein Christ. Ich bin ein Moslem, wenn auch kein praktizierender. Vielleicht hätte es zu Beginn einige Probleme geben können, aber Piccirillo ließ mich diesen Unterschied nie spüren. Anstatt ihn als religiöse Gestalt zu sehen, sah ich ihn als Professionellen, und ich schätzte ihn als einen Professor und Gelehrten. Unsere Freundschaft, mit allem was sie umfasste, wurde von einer Leidenschaft geboren, die er mir vermittelte und die wir schließlich teilten: Archäologie.

Ihm ging es um die Person, nicht um ihre Religion. Er suchte nach Menschen, die bereit waren zu lernen und ihm in dem Prozess helfen konnten. Meine Beziehung zu den Brüdern der Kustodie entstand durch dieses Gefühl des Vertrauens zu Piccirillo, und es war eine großartige Möglichkeit, sie kennenzulernen. Zu diesem Zeitpunkt, angesichts vergangener und gegenwärtiger andauernder Konflikte in diesem Land, ist diese Beziehung natürlich sehr günstig für mich, weil ich wirklich einen Unterschied feststellen kann, und sie ist voller Respekt. Einen Abend mit einigen von ihnen zu verbringen ist viel interessanter als dies mit Freunden oder Kollegen zu tun. Am Ende des Abends kommt es mir vor als hätte ich auf menschlicher Ebene etwas gewonnen, etwas, das ich überhaupt nicht erwartet habe.

Ich bin eine neugierige Person. Ich frage sie nach ihren Entscheidungen, religiösen oder sonstigen. Ein Vergleich der Traditionen. Außerdem müssen wir, um die schwere Konfliktstimmung aufzulockern, auf eine ähnliche Art zu Brücken werden. Wir müssen die Menschen kennen und uns ihnen öffnen. Dies ist eine großartige Möglichkeit, die auf Vertrauen basieren muss. Sie gaben mir das Gefühl, dass sie Vertrauen in mich haben und als sei ich einer von ihnen, obwohl ich ein Moslem bin, und dafür bin ich ihnen dankbar. Ich glaube, sie haben die Unterschiede überwunden, und ich danke ihnen, denn für mich ist diese Beziehung eine Ehre.

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