September 2010

Interview aus Gaza

Pater Abuna Elias, arabischer Name von Pater Guillermo Javier Fabrega, Argentinier des „Instituto del Verbo Encarnado“, lebt mittlerweile seit über einem Jahr in Gaza, wo er als Pfarrvikar in der einzigen katholischen Pfarrei tätig ist und sich insbesondere um Jugendliche mit starken Behinderungen kümmert.

Wie ist das Leben für die Christen in Gaza?

Das Leben in Gaza ist wie anderswo auf der Welt und auch die alltäglichen Probleme sind dieselben. Was hinzukommt, sind die mit der gegenwärtigen Situation verbundenen Probleme, wie beispielsweise die Arbeitslosigkeit.  Die meisten jungen Leute unserer Pfarrei haben eine Ausbildung und sind Fachmänner, haben jedoch keine Arbeit. Das schlimmste dabei ist, dass sich keiner um diese Menschen kümmert und sie versorgt. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Einwohner kaum verreisen können, viele nicht den eigenen Geburtsort besuchen können. Wir sind keine Kriminelle und dennoch wurde Gaza tatsächlich in ein großes Gefängnis verwandelt. Die Schwierigkeiten sind meist dadurch bedingt, dass wir als Christen in einer Gegend wohnen, die größtenteils von Muslimen bewohnt ist. Ein Beispiel dafür? Die jungen Mädchen müssen in den muslimischen Schulen und Universitäten den Schleier tragen.

Welche Schulen besuchen die Christen?

Fast alle Kinder  christlicher Familien studieren in christlichen Schulen: unsere Pfarrei hat zwei Schulen und es gibt außerdem eine von den „Hermanas del Rosario“ geleitete Schule und eine griechisch-orthodoxe Schule.

Könnt ihr die Heilige Messe feiern?

Es gibt große Genehmigungen für unsere religiösen Aktivitäten, solange sie innerhalb der christlichen Gemeinschaft stattfinden. Unsere christlichen Bräuche werden respektiert.

Was tun die Christen, um den Dialog mit den Muslimen  zu unterstützen?

Die christliche Bevölkerung betet viel für die Freiheit und den Frieden. Aber sie stimmen darin überein, dass der Frieden auf Wahrheit beruht, und dass beide Seiten, die diesen Frieden erreichen könnten, weder jemals diese Wahrheit aussprechen noch diese Wahrheit wollen…aus diesem Grund wollen sie umso weniger den Frieden.

Darüber hinaus ist der Beitrag der christlichen Gemeinschaft seinen muslimischen Brüdern gegenüber sehr wichtig. Unsere christlichen Schulen haben den Kindern in Gaza jahrelang eine gute Ausbildung ermöglicht, und das ohne Diskriminierung auf Grund der jeweiligen Religion. Das ist natürlich ein großer Beitrag an die gesamte Gesellschaft, ebenso wie die Almosen und die christlichen Wohltaten. Es gibt in Gaza nur zwei Anstalten für Kinder mit schweren Behinderungen und beide werden von Christen der katholischen Pfarrei „Sagrada Familia“ geleitet. Eines ist das “Hogar de las Hermanas de la Caridad de la Madre Teresa de Calcuta” und das andere das “Hogar de Cristo“, in dem wir Pater tätig sind. Obwohl es verboten ist, Bekehrungseifer zu betreiben oder das Evangelium zu verkünden, werden diese Tätigkeiten nicht nur akzeptiert, sondern positiv beurteilt. Es handelt sich dabei um Wohltaten jenen Menschen gegenüber, die die Hilfe am stärksten benötigen: das ist ein wunderbares Geschenk an die ganze Gesellschaft, sowohl an die christliche als auch an die muslimische. Tatsache ist, dass die Mehrheit der Kinder mit Behinderungen, die von uns aufgenommen werden, Muslime sind.

Empfehlen facebook twitter google pinterest drucken Senden
Zum Thema

Unterstützen Sie die Christen in Gaza: Arbeit für junge Menschen und Stromgeneratoren für Familien (Januar 2015)

Notfall Gaza (Oktober 2014)

Die Macht des Herzens, Erforscher der Wahrheit. Die Kustodie des Heiligen Landes trifft in Rimini zusammen (September 2014)

“Was ich in Gaza gesehen habe“. Der Notstand hält an, es fehlt an allem. (August 2014)

Gaza, Syrien… die nicht enden wollende Tragödie im Mittleren Osten, und was Du tun kannst (Juli 2014)

Bombardierungen gerade einen Schritt von der katholischer Gemeinde Gaza-Stadt entfernt (Juli 2014)

Um die Hoffnung nicht zu verlieren: ein Aufruf, die Bewohner in Gaza zu unterstützen (Juli 2014)

Gaza und Syrien: die nicht enden wollenden Tragödien im Mittleren Osten und Stimmen derer, die vor Ort sind (Juli 2014)

„Ein Fenster zu Gaza“: ein Trainingssprojekt für junge Journalisten in Gaza (Dezember 2013)

Sich um die Bedürftigsten kümmern – einladend sein und Training. Ein neues Projekt für Kinder mit Problemen im Gaza-Streifen wird realisiert. (Juni 2013)

Weihnachten in Gaza: Gebete für ein normales Leben (Dezember 2012)

Gaza (November 2012)

Pater Pierbattista Pizzaballa, Kustos im Heiligen Land und Präsident von ATS pro Terra Sancta über die Situation in Gaza (November 2012)

Notstand im Gazastreifen: Ihre Hilfe für die Unterstützung der christlichen Gemeinschaft (November 2012)

Gaza: auch weiterhin unterstützt ATS pro Terra Sancta die Jüngsten (April 2012)

Ein neues Badezimmer für die Personen mit Behinderung im Gazastreifen dank der Unterstützung von ATS pro Terra Sancta (Dezember 2010)

Bilder von Gaza und seiner kleinen christlichen Gemeinschaft (Oktober 2010)

Zu Besuch bei den Christen in Gaza (September 2010)

Gaza und die Christen: Projektstart (Juli 2010)

ATS Pro Terra Sancta – Newsletter 07/2010 (Juli 2010)