September 2010

Zu Besuch bei den Christen in Gaza

Gaza, Sommer 2010. Was der Besucher, der den 40 Kilometer langen Küstenstreifen Richtung Süden durchfährt, auf den ersten Blick bemerkt,  sind die im Laufe des letzten Konflikt zerstörten Gebäude, die nach wie vor unverändert an jeder Straßenecke stehen: öffentliche Anlagen, Schulen, Häuser, Krankenhäuser.  Nur ein Bruchteil jener zivilen Infrastrukturen- und insbesondere Straßen-, die im Rahmen der von israelischer Seite 2008/2009 durchgeführten Operation „Gegossenes Blei“ bombardiert wurden, konnten repariert werden, nur ein Bruchteil der Schäden behoben werden.  Der Wiederaufbau stockt unter anderem auf Grund des Einfuhrverbots für zahlreiche Baumaterialien; Stromausfälle stehen außerdem an der Tagesordnung sowie häufige Unterbrechungen der Wasserversorgung. Die israelische Blockade, die im Juni 2007 nach der Machtübernahme im Gazastreifen von Seiten Hamas begann,  hat die Armut in Gaza sprunghaft erhöht: die Wirtschaft liegt danieder und die Arbeitslosenrate ist extrem hoch. Ungefähr 80% der circa 1.5 Millionen Einwohner des Gazastreifens sind immer noch von Unterstützungen von Seiten der Ngos und internationale Organisationen abhängig.

Was der Besucher allerdings auch bemerkt, wenn er nach Gaza City oder Rafah kommt, sind lebhafte und lebendige Städte in arabischem Stil, voller Märkte und Läden, die Obst, Gemüse, Kleider und all jene Dinge anbieten, die in jeder Stadt des Nahen Ostens anzutreffen sind. Das alltägliche Leben scheint auf den ersten Blick nicht wirklich von der Situation betroffen zu sein.

„Im Allgemeinen verläuft das Leben  in Gaza mit großer Natürlichkeit: die Einwohner befinden sich schon seit langer Zeit in dieser Situation und betrachten vieles als selbstverständlich“, berichtet Pater Elias, der seit einem Jahr in Gaza als Pfarrvikar tätig ist. „Unsere Ernährung ist natürlich nicht dieselbe wie anderswo, da meist nur 60 Prozent des Tagesbedarfes an Kalorien gedeckt werden. Allerdings muss betont werden, dass es seit einigen Wochen möglich ist, bessere Produkte zu erhalten: Milch und Gemüse besserer Qualität und auch Süßwaren. Was nach wie vor verbessert werden muss, sind sowohl die Qualität als auch die Quantität der Arzneimittel“. Seit der Lockerung der Blockade im Juni 2010, kann man nämlich gegenwärtig fast alles erwerben, was für den alltäglichen Gebrauch nötig ist, aber viele Dinge gelangen nur über den Schwarzmarkt nach Gaza und sind, wie Pater Elias betont, von schlechter Qualität. Ein besonders schwerwiegendes Problem stellt dabei der Mangel an Baumaterial dar: „Es ist von schlechter Qualität und sehr teuer, wenn man bedenkt, dass in den  Nachbargegenden hervorragendes Material  zu einem Drittel des Preises zur Verfügung steht. Es ist fast unmöglich, etwas zu bauen.“

Was der Besucher allerdings kaum bemerken würde, ist die christliche Präsenz im Gazastreifen: 3000 Christen, eine einzige katholische Pfarrei, die knapp 250 Angehörige zählt: 55 Familien, um genau zu sein.

Die Schwierigkeiten, die von einer so kleinen Gemeinschaft in einer streng muslimischen Gegend bewältigt werden müssen, sind viele. Zwar betont Pfarrer Jorge Hernandez, dass die christlichen Bräuche respektiert werden, aber arabische Christen haben es im Gazastreifen dennoch nicht einfach. Als palästinensische Christen haben sie keine einfache Stellung im  Konflikt: als Palästinenser erfahren sie das Schicksal unter israelischer Besatzung beziehungsweise Blockade zu leben, als Christen gehören Sie nicht zur muslimischen Mehrheit und werden von ihr oft als nicht genehme pro-westliche Sympathisanten angesehen.

„Die Folgen des Krieges waren sehr schlimm, vor allem für die Kinder. Zahlreiche Schäden können gar nicht mehr repariert werden: viele Menschen haben Familienangehörige verloren und leben nun mit Hass und Rachesucht“, berichtet Pater Elias und erwähnt  auch den Unterschied innerhalb der von ihm betreuten Gemeinschaft. „Ich glaube es ist wichtig, diesbezüglich die christliche Einstellung zu erwähnen, die es uns ermöglicht, in solchen Situationen die tiefen Wunden besser zu bestehen. Die Gesellschaft besteht fast ausschließlich aus Muslimen, aber die einzigen die wahrhaftig von Vergebung sprechen können, sind die Christen, nicht die Muslime oder unsere Nachbarn“, betont er.

Im Gespräch mit Pfarrer Jorge Hernandez und Pfarrvikar Elias Fabrega wird immer wieder erwähnt, dass die großen Probleme der Bevölkerung nicht wirtschaftlicher oder finanzieller Natur sind. Die Lockerung des Embargos hat die Situation um einiges verbessert, aber für die wahren Schwierigkeiten gibt es nach wie vor keine Lösungen. „Die jungen Menschen, auch unter den Christen, haben jede Hoffnung verloren: sie können ihr Leben nicht planen, da es sehr ungewiss und unsicher ist. Sie können keine besseren Studiengelegenheiten erhoffen. Es gibt für sie keine Arbeit“, erzählen die zwei Argentinier, die in Gaza wohnen. „Diese Menschen werden später als Erwachsene die Bevölkerung des Gazastreifens anführen: welche Alternativen werden ihnen von außen geboten?“, fragen sie sich. „Das Problem“, so Pater Elias, „ist, dass nicht einmal die internationalen Institutionen eine Lösung für den Gazastreifen gefunden haben. Die Einwohner des Streifens glauben, dass sich diese Institutionen über sie lustig machen. Die Leute leben mit dem Gefühl, dass sich im Grunde genommen keiner für Gaza interessiert“.

Und genau unter solchen Umständen ist der Beitrag der christlichen, und insbesondere der katholischen Gemeinschaft nicht nur vorbildhaft, sonder auch von großer Bedeutung im Umgang mit der muslimischen Mehrheit. Die christlichen Schulen stehen beispielsweise allen offen, und haben vielen Kindern in den letzen Jahren eine gute Ausbildung ermöglicht.  Die Aufnahmezentren für behinderte Kinder und Jugendliche, die von den Katholiken geleitet werden und seit einigen Monaten von ATS Pro Terra Sancta, der Hilfsorganisation der Kustodie des Heiligen Landes, unterstützt werden, betreuen auch viele Kinder muslimischer Familien.  „Das Zusammenleben basiert auf gegenseitigen Respekt. Hinzu kommt, das wir klare Anzeichen von Freundschaftlichkeit erhalten haben: unter anderem erhielten wir die Erlaubnis, das Hogar de Cristo, ein Aufnahmezentrum für behinderte Kinder, zu eröffnen. Unsere Nachbarn, muslimische Professoren und die lokale Bevölkerung haben uns als erste dabei unterstützt und sich dafür bedankt, dass wir ihre eigenen Kinder aufnehmen und betreuen.“

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